Landjugendmagazin BDLspezial 1/2026
Jetzt vertragt euch wieder. Das ist wahrscheinlich einer der deutschesten Sätze überhaupt. Er fällt auf Familienfeiern, in Gemeinderäten, im Vereinsheim und hinten an der Theke, kurz bevor jemand die Diskussion abwürgt. Streit gilt oft als Störung, als etwas, das man möglichst schnell zumacht wie ein Schlagloch auf dem Hof.
Dieses Heft dreht sich um Streit, um richtiges Streiten, nicht um Krawall für Klickzahlen (S. 26), und darum, wie sich beides unterscheidet. Es geht um die Frage, wie Menschen mit unterschiedlichen Meinungen zu Klima, Landwirtschaft und Demokratie klarkommen, wie sie für ihre Zukunft Lösungen suchen.
Das ist typisch Landjugend. Denn da steht ein Tierhalter beim Deutschen Landjugendtag neben zwei Leuten, die aufs Fleisch verzichten, weil sie Tiere nicht quälen wollen. Ein anderes Beispiel: Die Leute von unserem Bundesarbeitskreis Agrarpolitik kommen aus verschiedensten Betrieben. Allein da Positionen auszuhandeln, ist schon eine Herausforderung; aber sehr wahrscheinlich haben sie auch beim Mindestlohn eine andere Meinung als viele, die sich im BDL-Arbeitskreis „Jugend macht Politik“ engagieren.
Einer fordert strengere Regeln beim Umwelt- und Klimaschutz, die andere kämpft gerade darum, dass der Familienbetrieb wirtschaftlich überlebt. Das kracht, muss es sogar. Aber das ist kein Vernichtungskampf, sondern die Suche nach einem Miteinander, in denen es für beide eine Zukunft gibt. „Schweigen heißt Zustimmung“ stellt sich der BDL offensiv gegen die schleichende Vereinnahmung durch Rechtsextreme, also reden wir.
Genau deshalb steckt in diesem Heft keine Wegbeschreibung nach Harmonistan, sondern Stoff zum Weiterdenken. Zum Beispiel im Gespräch mit der Kommunikationswissenschaftlerin Prof. Dr. Christiane Eilders. Sie erklärt, warum Diskussionen heute gefühlt schneller eskalieren, weshalb soziale Netzwerke Streit anheizen und warum Demokratie trotzdem Reibung braucht (S. 12).
Mein absoluter Lesetipp gilt jedoch den beiden Landjugend-Umfragen. In der einen haben wir gefragt: „Wenn du für einen Tag Bürgermeister:in wärst, was würdest du sofort verändern?“ (S. 6) Sehr unterschiedlich die Erfahrungen und Antworten, nur in einem Punkt sind sich alle einig: Junge Stimmen gehen zu oft unter. Die zweite Umfrage lief direkt da, wo es oft schneller kracht – im Netz. Worüber wird gestritten? Wann kippen Diskussionen? Was fehlt? Viele wünschen sich keine weichgespülte Einigkeit. Sie wollen vernünftige Gespräche (S. 16).
Dazu passt auch die Anleitung für wirksame Mitbestimmung vor Ort. (S. 10) Klingt trocken wie ein Ordner im Rathausregal, ist aber eigentlich eine ziemlich praktische Frage: Wie kommen junge Leute überhaupt an den Tisch, wenn Entscheidungen fallen? Und zwar bevor der neue Radweg endet, der Bus gestrichen oder der Dorfplatz zugeparkt wird.
Dieses Heft wird nicht jeden Streit lösen. Das wäre auch komisch, aber vielleicht hilft es dabei, genauer hinzuhören, den eigenen Standpunkt zu schärfen und Widerspruch auszuhalten. Denn das Land braucht keine Dauerempörung, sondern Menschen, die für die Sache streiten und sie so voranbringen.
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