Sabine Leutheusser-Schnarrenberger zu Gast beim BDL

Zwischen Sicherheit, Freiheit & Überzeugung

Artikel 23.01.2020
BDL / Gräschke

Ungleiche Vergütung ist Sabine Leutheusser-Schnarrenberger schon lange ein Dorn im Auge. „Als Ministerin hab ich immer schon geguckt, was sich da machen lässt, damit gleiche Tätigkeiten auch gleich bezahlt werden – ohne Unterschied zwischen den Geschlechtern“, berichtete die Starnbergerin aus ihrer Amtszeit.

Mit rund 100 Gästen aus den Landeslandjugendverbänden diskutierte sie am Montag über den Balanceakt zwischen Freiheit und Sicherheit, Unternehmens­hoheit und Geschlechtergerechtigkeit, Engagement und Politikalltag. Der Bund der Deutschen Landjugend (BDL) e.V. hatte zu seinem Jugendforum auf der Grünen Woche mit der gestandenen Politikerin eingeladen, um deren Erfahrungsschatz für die eigene Meinungsbildung zu nutzen.

Was sie von der Frauenquote halte, wollte Moderatorin und BDL-Vize Anna Hollenbach wissen. Leutheusser-Schnarrenberger gab zu, dass ihr liberales Herz mit Quoten wenig anfangen könne. Daher stehe sie einer Frauenquote skeptisch gegenüber. Zugleich sei es aber richtig, „in Vorständen, Aufsichtsräten und Unternehmen, Frauen in Verantwortung zu bringen. Gerade in Familienunternehmen ist es wichtig, dort auch die weibliche Perspektive einzubringen“, mahnte die zweimalige ehemalige Justizministerin an.

Die Landjugend hakte angesichts der noch immer ungleichen Bezahlung zwischen den Geschlechtern nach. In Sachen Vergütung stünden natürlich auch die Tarifvertragsparteien und die Unternehmen selbst in der Pflicht, hier Gerechtigkeit herzustellen, so die FDP-Frau. Sie mutmaßte jedoch, dass dies „letztlich gesetzlich geregelt werden muss.“ Auch wenn sie eigentlich nicht dafür ist, mit Sanktionen dafür sorgen zu müssen, sich richtig zu verhalten.

Wie sie die Attraktivität von Parteien für junge Menschen beurteile, wollten andere beim BDL-Jugendforum wissen. Aus Sicht der Grundgesetz-Expertin seien Parteien – auch ihre eigene – immer noch zu verstaubt. Junge Menschen engagierten sich politisch, aber eher für einzelne Themen und eben seltener in den Parteien. Zugleich seien Parteien wichtige und richtungsweisende Institutionen in unserer Gesellschaft, die sich dringend um ihren Nachwuchs kümmern und dafür auch moderner und digitaler werden müssen, stellte Leutheusser-Schnarrenberger fest und forderte ihre jungen Zuhörer auf, nicht zu warten, sondern sich selbst einzubringen.

Sie riet allerdings dazu, vor einer Laufbahn in der Politik erstmal „eigene berufliche Einblicke und damit auch eine gewisse Unabhängigkeit vom eigentlichen Amt“ anzustreben. Denn der Dreisprung Kreissaal, Hörsaal, Bundestag führe auch in der Politik dazu, nicht ernst genommen zu werden. Nicht nur in der Wahrnehmung des BDL entspreche die Berufs- und Geschlechterverteilung in den Parlamenten nicht unserer Gesellschaft. Auch die Grande Dame ist für eine Änderung im Wahlrecht, damit Bürgerinnen und Bürger mehr personenbezogen wählen können. Doch diese Öffnung und Bereitschaft zur Veränderung sieht sie innerhalb der Parteien noch nicht.

In Sachen Digitalisierung teilt die Buchautorin die Sorgen des BDL und der Moderatorin, dass der Ausbau immer noch viel zu langsam voran ginge, obwohl eine flächendeckende Versorgung unbedingt durchzusetzen sei. Als Ministerin (1992 bis 1996 und 2009 bis 2013) setzte sie sich bereits mit den grundlegenden Veränderungen unserer Gesellschaft durch die Informationstechnik und Digitalisierung auseinander.

Da Leutheusser-Schnarrenberger die Freiheit des Einzelnen und die grundgesetzliche gesicherte Unverletzlichkeit der Wohnung vertrat, die FDP-Mitglieder jedoch mehrheitlich für den damals sogenannten „Lauschangriff“ waren, trat sie 1996 aus Gewissensgründen von ihrem Amt zurück - ein bis dato einmaliger Vorgang. 13 Jahre später übernahm sie in der Regierung von Bundeskanzlerin Angela Merkel das gleiche Amt wieder. Erneut ging es um Fragen, die Haltung und Mut bedurften: den Schutz der Privatsphäre des Einzelnen oder auch den Umgang mit zunehmendem Rechtsextremismus.

Am Ende hält die stellvertretende BDL-Bundesvorsitzende Anna Hollenbach fest, dass die größtmögliche Freiheit des Einzelnen, die es zugleich staatlich zu schützen gilt, immer wieder das Leitmotiv von Sabine Leutheusser-Schnarrenberger darstellt.

Eine Bildauswahl dazu gibt es in unserer Galerie.