Junglandwirtekongress von BDL und DBV auf der Grünen Woche

„Wir müssen uns auf wenige Label einigen“

Artikel 23.01.2020

Selten genug treffen Experten aus Handel und Landwirtschaft, Politik und Wissenschaft außerhalb der eigenen Filterblase aufeinander. Noch seltener, wenn es um Vertrauen in dem Labeldschungel geht, durch den sich die Verbraucher kämpfen. Doch beim Junglandwirtekongress auf der Grünen Woche ist das gelungen. Gemeinsam mit dem grünen Berufsnachwuchs gingen sie bei der gemeinsamen Veranstaltung von Deutschem Bauernverband (DBV) und Bund der Deutschen Landjugend (BDL) der Frage nach: Labelsalat - Brauchen wir neue Gütesiegel?

Labelsalat gebe es genug, aber wem solle er schmecken? Und wären weniger davon nicht mehr? Das wollte nicht nur die BDL-Bundesvorsitzende Kathrin Muus wissen, sondern interessierte auch die rund 200 Gäste, die zu dem Kongress am ersten Messesamstag nach Berlin gekommen waren.  Unter ihnen auch DBV-Vize Werner Schwarz, der ausgehend von der schwierigen Situation feststellte: „Label können die Kommunikation zwischen Landwirten und Verbrauchern verbessern und folglich Anerkennung steigern.“  Nicht weniger provokant als seine Grußwort-Vorrednerin fragte er: „Wer profitiert von den Labeln - Handel, Bürger oder Bauer?“

Vertrauensökonomie und Aufmerksamkeitsökonomie – mit diesen Stichworten stieg Professor Dr. Achim Spiller von der Georg-August-Universität zu Göttingen ein. Der ausgewiesene Experte für Lebensmittel- und Agrarproduktemarketing ging aus wissenschaftlicher Sicht auf das vermehrte Aufkommen von Labeln ein. 225 verschiedene gebe es allein im Ernährungsbereich. Sie sollen den Verbrauchern helfen, von außen nicht erkennbare Produkteigenschaften zu identifizieren. Das können höhere Tierwohlstandards, besondere Anbauarten oder eine gute CO2-Bilanz sein. Nur wenige seien allerdings bundesweit verbreitet und bekannt. „In der Zukunft brauchen wir nicht mehr, sondern weniger Label. Sie sollten allerdings glaubwürdiger, farblich interpretierbar, mehrstufig und verpflichtend sein“, so der Professor, damit sie ihren Effekt nicht verlieren.

„Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu viele Labels haben“, pflichtete die Bundestagsabgeordnete und Landwirtin Carina Konrad ihm bei. Allerdings sieht sie den Gesetzgeber nur bei den Rahmenbedingungen in der Pflicht. Es sei nicht seine Aufgabe, Label und ihre Standards festzulegen, sagte sie beim Junglandwirtekongress.

Die Lidl-Schwester Kaufland hat jedenfalls hat viele Label-Produkte im Regal, auch solche mit eigenem Siegel. Die Einhaltung der Standards werde direkt beim Bauern vor Ort kontrolliert, berichtete Robert Pudelko. Der Einkaufsleiter im Bereich Nachhaltigkeit hält es für wichtig, dass die Lebensmittel wie beim TÜV fürs Auto hinsichtlich ihrer Eigenschaften überprüft werden. Nur dann könne der Verbraucher den Produktangaben trauen. Kaufland wolle die deutsche Landwirtschaft unterstützen. „Dies geschieht mit langfristigen Verträgen, die Planungssicherheit bringen“, sagte Pudelko und sieht auch sein Unternehmen in der Pflicht, Verbraucher mehr über die Lebensmittelproduktion aufzuklären.

Philipp Duelli hat sich davon gelöst. Der Pfrungener Junglandwirt, der vor zwei Jahren mit Vater und Bruder Duelli´s Fein(e)kost GbR gegründet hat, vermarktet das Fleisch der Ochsen und Rinder aus eigener Mutterkuhherde ab Hof. Ein einheitliches regionales oder nationales Label für Tierwohl sei ein Muss sagt er, das Biosiegel für ihn derzeit keine Alternative. Es treibe aus seiner Sicht die Preise ohne Zugewinn von Tierwohl nach oben, sagte er. „Wenn der Verbraucher aber weiß, dass in Deutschland die höchsten Standards eingehalten werden, braucht es nur noch ein Siegel, das über die Herkunft Auskunft gibt“, hofft der Junglandwirt und war dabei ganz bei MdB Konrad, die in der Diskussion immer deutlich machte: „Wir brauchen sichtbare Herkunftsangaben.“ 

Auch europaweite Labels zur Abgrenzung zu internationalen Wettbewerbern, Tierwohl- und Klimasiegel, kosten- und zeitintensive Kontrollen der Einhaltung von Standards, die für  Planungssicherheit nötige Zeitdauer vieles mehr diskutierten Berufsnachwuchs und Experten auf der Grüne-Woche-Veranstaltung von BDL und DBV, die Manon Struck-Pacyna vom Lebensmittelverband sach- und fachkundig moderierte. Immer wieder stießen sie dabei auf Interessenskonflikte: Außenklimaställe bei Schweinen für mehr Tierwohl oder geschlossene Ställe für mehr Klimaschutz zum Beispiel. „Wenn man weiß, was man will, lassen sich Produktionsverfahren langfristig daran anpassen“, so Professor Spiller. 

Am Ende stand vor allem eins fest: Wir müssen uns gesellschaftlich auf wenige Label einigen, die verständlich sein und tatsächlich für Transparenz sorgen müssen. Ob das der (Land)Wirtschaft gelingt oder staatlich verpflichtend geschehen muss, bleibt abzuwarten. In jedem Fall sei es wichtig, dass die Landwirte sich in die Labeldiskussion einbringen, damit sie die Bedingungen mitgestalten können. Oder wie BDL-Vize Mara Walz es in ihrem Schlusswort formulierte: „Wenn wir den Dialog in der heutigen Konstellation fortsetzen, können wir einen Weg durch den Labeldschungel finden. Aber das geht nur gemeinsam.“

Zu den Bildern vom JunglandwirtInnen-Kongress auf der Grünen Woche.