Zum Handels-Gipfel im Kanzleramt

Wertschätzung beginnt am Preisschild

Artikel 04.02.2020

„Es geht nicht darum, jemanden zum Buhmann zu machen, sondern um unser aller Zukunft“, sagt Kathrin Muus. Für die Vorsitzende des Bundes der Deutschen Landjugend (BDL) e.V. endete der Lebensmittel-Gipfel gestern im Bundeskanzleramt ohne Überraschungen. „Jenseits der vielen «Sollte» und «Müsste» zu fairen Preisen und der Verantwortung der Handelsketten ist die Ankündigung, dass das Gesetz zur Umsetzung der EU-Richtlinie über unlautere Handelspraktiken noch in diesem Frühjahr ins Kabinett soll, sehr konkret“, sagt sie.

Die europäische Richtlinie 2019/633 dient dem Schutz der Landwirte. Sie soll eins zu eins in deutsches Recht umgesetzt werden. Unter anderem soll sie regeln, dass Landwirte rechtzeitig bezahlt werden, dass Lieferbedingungen und Qualitätsstandards nicht einseitig vom Händler geändert oder Bestellungen verderblicher Lebensmittelerzeugnisse kurzfristig storniert werden können.

„Das Verbot der kurzfristigen Stornierung darf nicht zugunsten des Handels aufgeweicht werden“, warnt die BDL-Bundesvorsitzende. Wer kurz vor der Salaternte erfahre, dass nur noch die Hälfte gebraucht werde, bekomme den nicht mehr los. Das sei weder landwirt- noch umweltfreundlich, stellt Kathrin Muus klar. Eine schnelle Umsetzung sei für die jungen Landwirtinnen und Landwirte wichtig, die sich jetzt entscheiden, ob und wie sie in der Landwirtschaft Fuß fassen.

„In Deutschland verkaufen vier Unternehmen fast 85 Prozent der Lebensmittel. Einem Ungleichgewicht der Marktmacht steht die deutsche Landwirtschaft gegenüber, daher muss die EU-Richtlinie im Sinne eines fairen, wertschätzenden und zukunftsträchtigen Umganges mit landwirtschaftlichen Produkten schnellstmöglich umgesetzt werden“, fordert die BDL-Bundesvorsitzende.

Sie lobt den Einsatz der Bundeslandwirtschaftsministerin bei den Verhandlungen. Julia Klöckner habe sehr deutlich gemacht, dass der Wettbewerb des Handels nicht auf dem Rücken der Landwirte ausgetragen werden dürfe und woran es hakt. „Wem die Zukunft regionaler, nachhaltiger und qualitativ hochwertiger Lebensmittel am Herzen liegt, muss den landwirtschaftlichen Betrieben mit Wertschätzung, Planungssicherheit und Verständnis entgegenkommen. Lebensmittel müssen endlich wieder den Wert zugesprochen bekommen, den sie verdienen“, bringt es Kathrin Muus für die Junglandwirte und Junglandwirtinnen im BDL auf den Punkt.

Für sie ist das gestrige Gespräch im Bundeskanzleramt ein Anfang, denn weitere – u.a. Arbeitstreffen von Handel und Erzeugern – sind geplant. Ob sie zu fairen Preise beitragen, wie der BDL sie seit Jahrzehnten fordert, soll in einem Dreivierteljahr im Kanzleramt überprüft werden. Kathrin Muus hätte die Frist gern etwas kürzer gesteckt, aber hofft, dass der Prozess dann Fahrt aufnimmt.

Denn eins ist auch bei dem Kanzlerinnen-Gipfel mit den großen Handelsunternehmen wieder sehr klar geworden: Neben der Umsetzung der EU-Richtlinie sind weitere Schritte hin zu fairen Preisen unabdingbar. Aus Sicht der Junglandwirte muss das Kartellamt die zunehmende Marktmacht des Lebensmitteleinzelhandels stärker unter die Lupe nehmen, wenn die Verhandlungen ergebnislos bleiben sollten. „Erhöhte Lieferanforderungen, tierwohlgerechtere Haltung oder mehr Nachhaltigkeit in Produktionsverfahren gibt es nicht zum Nulltarif. Sie müssen sich in fairen Erzeugerpreisen niederschlagen. Eine Abwärtsspirale der Preise im Konkurrenzkampf der großen Vermarkter zerstört die Grundlage des wichtigsten und Marktmacht-schwächsten Gliedes der Lebensmittelkette – der Landwirtschaft“, so die BDL-Bundesvorsitzende.