BDL widerspricht

Offener Brief an die Bundesumweltministerin

Artikel 03.06.2020

Offener Brief: Widerspruch zum Bericht „Zur Lage der Natur”

Sehr geehrte Frau Bundesministerin Schulze,

der Rückgang von Flora und Fauna hat viele Ursachen. Zu denen gehört u.a. auch die Landwirtschaft, die in die Natur eingreifen muss – vor allem, um Ernährungssicherheit herzustellen, denn sie ist es, die für unsere Bevölkerung die Nahrungsmittel produziert.

Das sollte ein so gewichtiger Bericht wie der „Zur Lage der Natur“ auch abbilden, wenn er sich nicht dem Vorwurf plakativer Vereinfachung aussetzen möchte. Wir hätten uns eine wissenschaftlich fundierte Zustandsbeschreibung gewünscht, die mit vollständig offengelegten Quellen und Methoden eine objektive Bestandsaufnahme ermöglicht. Denn wir sind der Ansicht, dass dieser Bericht die Chance geboten hätte, den Boden für Vermittlungsprozesse zwischen Artenschutz, nachhaltigem landwirtschaftlichen Handeln und gesellschaftlichen Herausforderungen zu bereiten. Wir bedauern, dass diese Gelegenheit vertan wurde.

Wir im Bund der Deutschen Landjugend (BDL) e.V. sind interessiert daran, Brücken in unserer Gesellschaft zu bauen und wirken daran in großem Maße mit. Unter den rund 100.000 jungen Menschen, die sich in unserem Jugendverband engagieren, sind viele JunglandwirtInnen und JungwinzerInnen. Sie übernehmen gesellschaftliche Verantwortung, sie handeln und wirtschaften nachhaltig, da sie von jeher in Generationen denken müssen, um ihre Betriebe und die dazugehörige Natur und Landschaft zu pflegen, zu erhalten und zu gestalten. Darin sind wir Profis.

Leider kommt das alles in Ihrem Bericht nicht vor. Wir JungwinzerInnen und JunglandwirtInnen fühlen uns von Ihnen falsch dargestellt. Daher widersprechen wir hiermit entschieden und differenziert Ihrem Bericht „Zur Lage der Natur“. Und das wollen wir natürlich auch begründen.

Egal ob wechselnde Fruchtfolgen, ob Ackerrand- oder Blühstreifen, ob ressourcenschonende Ausbringungstechniken für Dünge- und Pflanzenschutzmittel oder innovative Techniken, die helfen, Tiere oder Pflanzen optimal zu versorgen – wir JunglandwirtInnen setzen Umweltschutzmaßnahmen um.

Im Detail sind das beispielsweise:

  • der selbstverständliche Einsatz des Integrierten Pflanzenschutzes,
  • die Nutzung der Verwirrmethode im Weinbau als Ersatz für Pflanzenschutzmittel,
  • der Erhalt und das Anpflanzen von Landschaftselementen wie Baumreihen,
  • der Anbau von Leguminosen,
  • der Einsatz von Zwischenfrüchten und Untersaaten,
  • der Erhalt von Dauergrünland,
  • das Anlegen von Lerchenfenstern im Bestand,
  • die Umsetzung freiwilliger Projekte zusammen mit anderen Institutionen,
  • der Vertragsnaturschutz,
  • die vermehrte Umstellung der Betriebe auf Hybridlandwirtschaft (Kombination aus Verfahrenstechniken der ökologischen und konventionellen Landwirtschaft),
  • gezielte Düngung durch regelmäßige Bodenuntersuchungen,
  • reduzierte Bodenbearbeitung (zum Erosions- und Emissionsschutz) etc.

Wir befinden wir uns in einem gesellschaftlichen Gestaltungsprozess, an dem wir mitwirken möchten. Gerade deshalb sind wir auch zu weiterführenden ökologischen Leistungen und einer weiteren „Begrünung“ der Landwirtschaft bereit. Allerdings geht das nur unter bestimmten Bedingungen und schon gar nicht über Nacht. Dafür brauchen wir:

  • Verlässlichkeit bei der Planung,
  • umfassende Maßnahmen, die Naturextreme wie z.B. Dürre berücksichtigen,
  • Unterstützung bei Anfangsinvestitionen (Maschinen),
  • eine ökonomische Betrachtung für landwirtschaftliche Betriebe (Entlohnung),
  • Einbezug von LandwirtInnen bei Änderung der Nutzung landwirtschaftlicher Flächen durch z.B. Ausweisung von Schutzgebieten und
  • praktische Umsetzbarkeit.

Gleichzeitig muss zur Kenntnis genommen werden, dass wir eine größere Ernährungssicherheit in Deutschland brauchen. Die letzten Monate, aber auch der Klimawandel haben die Anfälligkeit von Versorgungswegen gezeigt. Deshalb müssen heimische Produktion und Landwirtschaft, egal ob konventionell oder ökologisch, mehr Wertschätzung erfahren. Beides – Wertschätzung und Ernährungssicherheit – muss erwirtschaftet werden und bedarf gemeinsamer Kräfte.

Ökologisch wirtschaftende Landwirtschaftsbetriebe – nur diesen geben Sie in Ihrem Bericht eine Chance – können dabei die alleinige Lösung nicht sein, denn ihre Erzeugnisse decken selbst unter optimalen Verhältnissen weder quantitativ noch bezahlbar den deutschen Lebensmittelbedarf. Die Ernährung der gesamten Bevölkerung in Deutschland wird und kann zum überwiegenden Teil nur von der konventionellen Landwirtschaft gewährleistet werden. Daher bedarf es der Kooperation zwischen ökologischer und konventioneller Landwirtschaft.

Aber warum auch nicht? Öko und konventionell sind für uns JunglandwirtInnen keine Konkurrenten. Wir bewegen uns in der Praxis auf einem Kontinuum zwischen beiden Polen. Eine Kombination aus beiden Anbauverfahren kann zu Synergieeffekten – auch im Umweltschutz – führen. So setzen konventionell wirtschaftenden Betriebe bereits auf die mechanische Unkrautregulierung. Auf der anderen Seite werden Bodenbrüter insbesondere in Reihenkulturen durch chemischen Pflanzenschutz gesichert, da ihre Brutgelege durch eine mechanische Unkrautregulierung zerstört werden würde.

Genau aus diesen Gründen muss die Landwirtschaft unabhängig von der Art der Bewirtschaftung nachhaltig und wirtschaftlich arbeiten können. Denn nur so gelingen Ernährungssicherung und Artenschutz. Nur so haben wir JunglandwirtInnen und JungwinzerInnen eine wirtschaftliche Perspektive.

So unabdingbar wie der Schutz von Böden und Klima, Artenvielfalt und Wasser für die Ernährungs­sicherung ist, so unabdingbar sind auch die Menschen, die mit Leidenschaft landwirtschaften. Und wir JunglandwirtInnen und JungwinzerInnen müssen wirtschaften, um mit unserer Arbeit Natur und Familie sowie den Erhalt unserer Betriebe abzusichern. Dafür braucht es Planungssicherheit statt harter Brüche, Respekt statt ideologischem Kleinkrieg, Realitätsnähe und Wissen. Denn Ernährungssicherung heißt ja nicht, dass nur noch unsere Produkte gekauft werden. Vielmehr müssen wir auf einem globalen Markt bestehen und uns gegen Wettbewerber durchsetzen, für die deutlich geringere Produktionsstandards gelten.

Trotzdem heißt wirtschaftlich arbeiten für uns aber gerade nicht, ausschließlich auf Gewinnmaximierung zu schauen, sondern bei unserer Arbeit Ressourcen schonen und Potenziale zu nutzen. Genau das passiert tagtäglich auf den Höfen – durch neue Technologien und das Wissen der modernen Landwirtschaft. Dazu gehört auch der Einsatz digitaler Werkzeuge. In Ställen und auf den Äckern helfen sie uns, die Bedürfnisse von Tier und Pflanze besser zu erkennen, sie erleichtern unsere Arbeit, reduzieren den Pflanzenschutzmittel- und Düngemitteleinsatz, optimieren den Ertrag und stellen sichere und gesunde Lebensmittel her.

Auch das ist Nachhaltigkeit, auch das ist unser täglich Brot. Wenn wir JunglandwirtInnen langfristig denken und handeln, heißt das, sich der eigenen Verantwortung gegenüber der Natur bewusst zu sein und im Einklang mit ihr zu arbeiten. Nachhaltig handeln heißt für uns aber auch, neugierig zu bleiben und sich bei der Ausgestaltung der Landwirtschaft auf wissenschaftliche Erkenntnisse zu stützen, statt auf Ideologien. Dazu gehört, dass Pflanzenschutz eingesetzt wird, wo er zum Schutz der Pflanzen nötig ist, und dass wir über den Tellerrand blicken und im Miteinander Lösungen aushandeln.

Um gesellschaftliche Wirkung und Bewusstsein zu erzeugen, wird es nicht ausreichen, wenn sich alle Parteien hinter ihren Positionen verstecken und im Stil eines kalten Kleinkriegs Positionen abringen. Wenn wir einen Schritt weiterkommen wollen, bedarf es dafür Kompromisse auf allen Seiten. Einseitige Urteile und Bewertungen – dazu noch auf fragwürdiger Basis – führen weder zu mehr Nachhaltigkeit noch zu mehr Klimaschutz. Aus diesem Grund ringen wir um Vermittlung.

Wir sind bereit, das große Ganze in den Blick zu nehmen und Kompromisse zu schmieden, für unsere Gesellschaft, für unsere Natur und für unsere Landwirtschaft.

Wir wünschen uns von Ihnen: Gehen Sie mit uns und nicht gegen uns diesen Weg.

Mit freundlichen Grüßen

i.A. der JungwinzerInnen und JunglandwirtInnen
im Bund der Deutschen Landjugend (BDL) e.V.

Kathrin Muus
BDL-Bundesvorsitzende