BDL will Beteiligung und Verständigung

Echte Dorfkinder fordern Gleichwertigkeit

Artikel 24.01.2020
BMEL/Gaertner/Photohek

Die Dorfkinder-Kampagne des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) war wirklich eine Überraschung. Am Vormittag noch hatte Bundesministerin Julia Klöckner bei der Jugendveranstaltung des Bundes der Deutschen Landjugend (BDL) e.V. auf der Grünen Woche zu mehr als 2000 Dorfkindern gesprochen. Am Sonntagnachmittag setzte sie den ersten Tweet der Kampagne ab, die Problembereiche der ländlichen Räume wie Mobilität, soziale Infrastruktur, Breitband, Arbeitsplätze, Ausbildungschancen etc. bislang ausklammert.

„#Dorfkinder stoßen zugleich eine Debatte über das Leben auf dem Land an. Und einen Austausch über Ideen, neue Entwicklungsansätze und echte Perspektiven für das Land“, heißt es beim Bundesministerium. Wie das gehen soll, fragt sich nicht nur der BDL. „Eigentlich ist das doch ein Hashtag, der quasi auch auf Landjugend passt. Warum wir da schon wieder was Neues brauchen und vorher nicht dazu im Austausch waren, verstehe ich nicht. Wir sind im ständigen Dialog mit dem Ministerium, das uns auch fördert, haben aber erst mit der Öffentlichkeit davon erfahren. Das finde ich schade“, so die BDL-Bundesvorsitzende Kathrin Muus auf Nachfrage des NDR.

„Eine Kampagne allein hilft wenig, um die ländlichen Regionen ins richtige Licht zu rücken. Denn es geht nicht ohne Authentizität. Die gibt es aber bei uns“, so Kathrin Muus. Ihr Jugendverband engagiert sich für gute Lebens- und Bleibeperspektiven in den ländlichen Regionen. Da gehöre Zusammenhalt und Engagement genauso dazu wie die Fete, der Gruppenabend, die Ferienfreizeit oder auch diverse Gremiensitzungen, ohne die nun mal kein Verband auskommt. Daher hätte sich der BDL gewünscht, im Vorfeld beteiligt zu werden, wenn es um Ehrenamt in ländlichen Regionen geht.

„Wir wollen, dass städtische und ländliche Regionen lebenswert sind. Wir setzen uns dafür ein, dass jede Region gleichwertig lebenswert ist – das bedeutet für uns Gleichwertigkeit. Daher wiederholen wir unsere Aufforderung, dazu gesellschaftlich und politisch ins Gespräch zu kommen: Welche gemeinsamen Mindeststandards gelten in Deutschland? Auf welche Infrastruktur kann ich mich verlassen, egal wo ich wohne? Und welche Abstriche muss ich heute und auf lange Sicht machen, wenn ich mich für die Stadt oder das Land entscheide?“ zählt Kathrin Muus auf. Ein offener und ehrlicher Dialog fehle noch immer. Die Diskussionen und Ergebnisse der Gleichwertigkeits-Kommission seien dabei zumindest bisher noch keine Hilfe, da sie nicht im Alltag ankommen.

Der BDL vertritt die Interessen junger Menschen in ländlichen Räumen und zählt bundesweit rund 100.000 ehrenamtlich Aktive. „Wir kennen die Vielfalt und Herausforderungen des ländlichen Raums aus eigener Erfahrung. Der Hashtag Dorfkinder schafft keine individuellen und strukturellen Perspektiven für Menschen in den ländlichen Räumen“, stellt die BDL-Bundesvorsitzende fest: Ein echter Austausch über neue Entwicklungsansätze, Perspektiven und eine Mut machende Strukturpolitik würde den ländlichen Räumen besser bekommen als Agenturbilder in den sozialen Kanälen. „Wir sind die Experten für Bleibeperspektiven auf dem Land“, formuliert sie abschließend selbstbewusst und ergänzt: „Diese Expertise bringen wir gern ein.“