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Landrat aus der Landjugend: Ein Interview mit Jonas Gleich

Jahrelang war Jonas Gleich in der Landjugend engagiert. Mit 27 wurde er Landrat. Wie es ist, so jung so viel politische Verantwortung zu übernehmen, wie die Landjugend ihn geprägt hat und was er sich für die Zukunft wünscht, erzählt er hier im Interview.
 

Jonas, wenn dir vor 15 Jahren jemand gesagt hätte, dass du einmal Landrat wirst – hättest du ihn ausgelacht?

Ich hätte mit Sicherheit abgewunken und gelacht, aber ich bin ehrlich: Das Amt des Landrates habe ich schon immer als eine besondere, ehrenvolle Aufgabe wahrgenommen. Umso beeindruckender ist es, dass ich dieses Amt nun tatsächlich auch bekleiden darf.

Du bist seit deiner Jugend in der Landjugend aktiv. Würdest du sagen, dass dein Weg ins Landratsamt eigentlich in der Landjugend begonnen hat?

Ganz so konkret kann man das vermutlich nicht sagen. Allerdings kann man nicht verschweigen, dass man in der Landjugend zahlreiche Softskills und Fähigkeiten erlernt, die den Lebensweg und die Persönlichkeit prägen. Ob das Kassenführung, Veranstaltungsorganisation, das Leiten von Sitzungen, Sprechen vor Menschenmengen, Öffentlichkeitsarbeit, Konfliktlösung oder Netzwerken ist – all das ist in der Landjugend immer wieder gefordert und nutzt einem sein Leben lang.

Du bist seit zehn Jahren Kreisvorsitzender. Was motiviert dich, dieses Ehrenamt bis heute auszuüben, obwohl dein Kalender inzwischen ziemlich voll sein dürfte?

Das Schöne am Landjugendleben ist doch, dass man sich nicht nur innerhalb seiner Ortsgruppe kennt, sondern Kontakte in der ganzen Region hat. Egal, wo man unterwegs ist, man trifft jemanden aus der Landjugend. Das war schon in meinem bisherigen Leben so und ist jetzt als Landrat nicht anders. Daher fand ich es schon immer wichtig, dass man sich austauscht, vernetzt, die Aktiven zusammenbringt. Das sehe ich als eine der Hauptaufgaben des Kreisverbandes und deshalb macht mir dieses Amt auch so viel Freude. Allerdings, und das stand für mich auch schon vor der Kommunalwahl fest, bin ich jetzt zehn Jahre Kreisvorsitzender. Nach dieser langen Amtszeit ist es an der Zeit, das Amt in jüngere Hände abzugeben. Und man muss auch ganz offen sagen: Wenn ich ein Amt innehabe, dann möchte ich das auch voll und ganz mit Leben füllen und nicht nur nebenbei machen. Das ist jetzt als Landrat in diesem Umfang einfach nicht mehr möglich. Daher werde ich bei den Neuwahlen im Herbst dieses Jahres auch nicht mehr als Kreisvorsitzender kandidieren.

Die Landjugend versteht sich als Stimme junger Menschen im ländlichen Raum. Gleichzeitig erleben viele Vereine und Verbände die Diskussion, ob sich junge Menschen heute überhaupt noch engagieren wollen. 

Immer wieder wird beklagt, junge Menschen würden sich zu wenig engagieren. Stimmt das aus deiner Sicht überhaupt?

Das kann ich so nicht bestätigen. Gerade in meinem persönlichen Umfeld, im Landkreis Kulmbach, treffe ich täglich so viele junge Menschen, die in Vereinen und Verbänden aktiv sind – ob in der Feuerwehr, im THW, im Fasching, in der Kirche oder der Landjugend. Sehr viele von Ihnen bekleiden bereits auch schon Ämter in Ausschüssen oder Vorstandschaften. Natürlich gibt es auch immer gegenteilige Fälle, keine Frage. Aber die Ehrenamtsquote in unserer Region ist überproportional hoch und man kann strukturell festhalten: Dort, wo Vereine aktiv sind und ihre Heimat beleben, dort finden sich zahlreiche junge Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren.

Kann die Landjugend auch politisch sein, ohne parteipolitisch zu werden?

Auf jeden Fall. Als Landjugendlicher ist man doch unweigerlich mit politischen Auswirkungen, mit Gesetzen, mit Vorgaben konfrontiert. Ob das Jugendschutz, Hygiene bei Veranstaltungen, Datenschutz oder die Sicherheitsvorkehrungen bei Festen sind – all das sind direkte oder indirekte Ausflüsse von Politik. Damit muss man sich auseinandersetzen und sich damit beschäftigen. Und auch auf kommunalpolitischer Ebene hat man früher oder später immer Berührungspunkte mit „der Politik“. Das fängt beim Grußwort des Bürgermeisters bei der Jahreshauptversammlung an und geht bis hin zu 72-Stunden-Aktionen, bei denen man zusammen mit der Gemeinde beispielsweise einen Spielplatz neugestaltet.

Wie wichtig sind Vereine und Ehrenamt für den gesellschaftlichen Zusammenhalt im ländlichen Raum?

Ehrenamt ist Lebensqualität. Davon bin ich fest überzeugt. Stellen wir uns doch mal unser Leben ohne unsere Vereine, ohne die Feste, Turniere oder Aufführungen vor. Wir kämen von der Schule oder der Arbeit nach Hause und würden darauf warten, dass der Tag rumgeht. Das ist jetzt natürlich überspitzt dargestellt, aber sind wir ehrlich: So viele Dinge, für die wir uns einsetzen, auf die wir hinarbeiten, auf die wir uns freuen, sind doch mit unseren Vereinen und unserem ehrenamtlichen Engagement verbunden. Und davon profitiert doch auch die Dorfgemeinschaft. Man kennt sich, man baut Freundschaften auf, man weiß, auf wen man sich verlassen kann, man tauscht sich aus und trifft sich regelmäßig – all das ist unglaublich wichtig, dass unsere Dörfer und Gemeinden lebendig und lebenswert sind. Insbesondere am Land, wo nicht jeden Abend eine Bar offen hat, wo nicht jeden Abend eine Theateraufführung oder ein Konzert stattfindet.  Daher eine klare Antwort: Vereine und Ehrenamt sind elementar wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt im ländlichen Raum.

Die Entscheidung, für das höchste kommunale Amt eines Landkreises zu kandidieren, trifft man nicht nebenbei. Gerade in jungen Jahren dürfte dieser Schritt gut überlegt sein. Hast du vor dieser Entscheidung auch gezweifelt?

Natürlich gibt es Zweifel. Man muss ja bedenken, dass sich das Leben schlagartig ändert – ob man die Wahl gewinnt oder nicht. Man steht plötzlich in der Öffentlichkeit, nahezu jeder im Landkreis kennt dein Gesicht, der Kalender füllt sich im Stundentakt, Freizeit wird immer weniger. Das muss man wollen, dazu muss man sich bewusst entscheiden. Und dann ist da ja immer wieder der Gedanke: Was passiert, wenn man die Wahl nicht gewinnt. Ich hatte die glückliche Lage, dass ich auch ohne gewonnene Wahl nicht in ein Loch gefallen wäre. Ich hatte einen Beruf, der mir Spaß macht, ich habe meine Vereine und Verbände, in denen ich aktiv bin und ich habe einen wunderbaren Freundeskreis, der mir unglaublich wichtig ist. Und dennoch fragt man sich regelmäßig: Ist das der Weg, den ich einschlagen möchte? Stecke ich eine Wahlniederlage „einfach so“ weg? Möchte ich auf so manches verzichten? Rückblickend kann ich aber sagen: Es war die richtige Entscheidung, das Amt macht mir wahnsinnig viel Freude und ich bin einfach maximal dankbar, dass mir die Menschen im Landkreis Kulmbach das Vertrauen geschenkt haben.

Du bist mit 27 Jahren Landrat geworden. Musstest du häufiger beweisen, dass Alter und Erfahrung nicht dasselbe sind?

Das Alter war natürlich ein zentrales Thema im Wahlkampf. Es gab eigentlich keine Veranstaltung, keinen Zeitungsbericht, in dem mein junges Alter nicht zumindest in Ansätzen angesprochen wurde. Irgendwann habe ich beschlossen, die 27 Jahre selber zum Thema zu machen und herauszustellen, weshalb das Alter kein Problem, sondern eine riesige Chance sein kann. In einer Welt, die immer schneller wird, in der Umbruch auf Umbruch folgt, in der Digitalisierung eine große Rolle spielt, da ist es doch gut, einen Amtsträger zu haben, der mit diesen Umständen großgeworden ist, der „ohne Altlasten“ und mit frischem Blick an Dinge herangeht und der dennoch seine Erfahrungen, Netzwerke und Ideen mitbringt. Wie sich herausgestellt hat, haben das zum Glück viele Menschen genauso gesehen. Und es war auch schön, die Entwicklung in der Zeit des Wahlkampfes zu verfolgen. Von „Du bist aber halt noch sehr jung“ wechselte der Tenor immer häufiger zu „Endlich mal ein Junger. Das wird auch dringend Zeit!“.

Kannst du den Moment beschreiben, als feststand: Du bist der neue Landrat?

Ich hatte drei Mitbewerber, unser langjähriger Landrat ist nach 30 Jahren nicht mehr angetreten. Daher sind wir alle fest davon ausgegangen, dass es eine Stichwahl geben wird. Als am Wahlabend dann das allererste Wahllokal ausgezählt war und ich da bereits über 50% lag, hatte ich schlagartig kein Blut mehr in den Beinen. Das hat mich wirklich wahnsinnig überrascht. Bei jedem weiteren ausgezählten Wahllokal hat sich dann das Ergebnis verfestigt, die ersten Anrufer haben schon gratuliert und so langsam zeichnete sich ab, dass es wohl keine Stichwahl braucht und ich heute zum Landrat des Landkreises Kulmbach gewählt wurde. Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran zurückdenke.

Was hat sich seitdem in deinem Alltag am stärksten verändert?

An zwei Sachen denke ich da sofort: Zum einen ist der Kalender natürlich wahnsinnig voll, man ist rund um die Uhr unterwegs oder im Landratsamt, Freizeit gibt es nur noch sehr wenig. Und was sich auch verändert hat: Egal, wo man hinkommt, die Menschen kennen einen. Auf jedem Fest, an der Tankstelle oder im Gasthaus – man ist quasi immer im Amt und natürlich immer und überall für jeden ansprechbar.

Wie viele Termine hast du durchschnittlich pro Woche?

Wenn ich die Termine in dieser Woche aus meinem Kalender schnell zusammenzähle sind das in diesem Fall 36 Stück. Natürlich variiert das von Woche zu Woche, aber viel Luft bleibt momentan nicht.

Wie reagieren Menschen heute, wenn sie erfahren, dass der Landrat am Wochenende auch auf Landjugendveranstaltungen unterwegs ist?

Meistens freuen sie sich. Es ist natürlich eine Wertschätzung für die Vereine, wenn der Landrat ihre Veranstaltung besucht. Auf der anderen Seite bin ich aber einfach ein Kind der Landjugend und nach wie vor Kreisvorsitzender, da ist es für mich selbstverständlich, dass ich dorthin gehe, wenn es der Kalender zulässt. Und ich gehe natürlich auch wirklich gerne hin, weil man die Leute kennt und mit vielen auch befreundet ist. Daher wird es vermutlich auch in Zukunft vorkommen, dass der Landrat auf Landjugendfesten zu Gast sein wird. Einmal Landjugend, immer Landjugend.

Würden deine Landjugendfreunde sagen, dass du dich verändert hast?

Ich hoffe nicht. Aber so ehrlich bin ich, wenn man dieses Amt hat, tagtäglich mit Herausforderungen und Problemen konfrontiert ist, man eine Behörde mit mehreren hundert Mitarbeitern leitet, dann macht das natürlich was mit einem. Ich weiß aber auch, dass ich in meinem Freundeskreis sehr schnell geerdet bin und man dort auch recht zügig auf andere Gedanken kommt. Das tut einfach gut, weil man weiß, dass man dort als Jonas und nicht als Landrat hingeht.

Als jüngster Landrat Deutschlands gehört Jonas Gleich selbst noch zur Generation junger Ehrenamtlicher. Entsprechend wichtig ist ihm die Frage, wie junge Menschen ihre Heimat mitgestalten können.

Was würdest du jungen Menschen sagen, die glauben, man könne auf dem Land nichts bewegen?

Glaubt das nicht. Wer will, findet Wege, wer nicht will, findet Gründe. Wir haben unglaubliches Potential im ländlichen Raum, das merke ich immer wieder. Hürden und Herausforderungen gibt es immer wieder, keine Frage. Man darf seine Ziele aber nicht aus den Augen verlieren und wenn man von einer Sache überzeugt ist, dann wird man Wege und Mitstreiter finden, um Dinge umzusetzen. Man darf aber halt nicht beim kleinsten bisschen Gegenwind direkt den Kopf in den Sand stecken. Geschenkt wird einem nichts…

Wenn du den Mitgliedern der Landjugend einen Gedanken mitgeben dürftest – welcher wäre das?

Der ländliche Raum braucht Macher! Nicht alles zerdenken, nicht alles kritisch hinterfragen. Geht optimistisch an Projekte heran und traut Euch was. Und vor allem: Vergesst den Spaß an der Landjugendarbeit nicht. Das ist das Allerwichtigste!

Zum Abschluss wagen wir einen Blick nach vorne. Du bist mit 27 Jahren Landrat geworden. Wenn in 20 Jahren jemand über deinen Weg spricht: Was soll er dann über dich sagen?

Gute Frage… Schön wäre es, wenn man auch in 20 Jahren noch sagen kann: Der Jonas, der hat nicht vergessen wo er herkommt. Das ist einer von uns.

 

Vielen Dank an Jonas und an die Bayerische Jungbauernschaft für die Bereitstellung des Interviews!

30.07.2026