Morgens um halb acht im Krisenmodus

Brötchen im Vordergrund, dahinter ein großer Saal mit vielen Junglandwirt:innen.
JUNGLANDWIRT:INNEN-FRÜHSTÜCK

Ein Frühstück beginnt selten mit Seuchen, Sperrzonen und Lieferketten. Anders beim Deutschen Bauerntages in Freiburg. Knapp 100 Nachwuchskräfte aus der Landwirtschaft diskutieren am Donnerstagmorgen über die Frage: „Betriebe schützen heißt Zukunft sichern – wie sind wir für Tierseuchen gewappnet?“ Der Bund der Deutschen Landjugend (BDL) und der Deutsche Bauernverband (DBV) hatten zum Junglandwirt:innen-Frühstück eingeladen.

Afrikanische Schweinepest, Blauzungenkrankheit, Vogelgrippe, Newcastle-Krankheit – die Liste wird länger. Gleichzeitig wächst die Sorge des Berufsnachwuchses, dass mit globalem Handel und freiem Personen- und Warenverkehr innerhalb Europas weitere Erreger nach Deutschland gelangen. DBV-Vize Dr. Holger Hennies eröffnet mit klaren Worten: „Tierseuchen sind für uns alle ein Thema – unabhängig davon, welchen Betrieb man führt.“

Schutz beginnt vor dem Ausbruch

Dr. Iris Fuchs macht gleich zu Beginn klar, wo Deutschland steht. Die Präsidentin der Bayerischen Landestierärztekammer beschreibt ein System unter Druck, das oft erst im Ernstfall reagiert. Impfstoffe stehen nicht immer in ausreichender Menge zur Verfügung, viele müssen importiert werden. „Wir reagieren immer auf akute Gefahren – aber wir bereiten uns zu wenig grundsätzlich vor,“ sagt Fuchs. Sie fordert mehr Prävention und mehr Widerstandskraft in der Nutztierhaltung. Infektionen müssten verhindert werden, bevor sie überhaupt entstehen.

Ein zentrales Thema bleibe die Biosicherheit. Nicht nur im Stall, sondern entlang der gesamten Kette stehen Mitarbeitende, Transport, Lkw-Verkehr und Schlachtbetriebe im Fokus. Auch die Öffentlichkeitsarbeit in der Landwirtschaft wird kritisch diskutiert, denn offene Höfe erhöhen das Risiko der Einschleppung.

Zwischen Weide, Impfstoff und Verantwortung

Aus dem Publikum kommen konkrete Fragen: Wie schnell lässt sich ein Impfstoff entwickeln? Wie gut passen Impfungen auf neue Varianten? Und was bedeutet das für den Alltag im Betrieb? Fuchs beschreibt eine Lücke zwischen Bedarf und Entwicklungstempo. Impfstoffe kämen oft zu spät oder nur angepasst nach. Mehrfachimpfungen können helfen, entscheidend bleibe der frühe Einsatz.

Auch die Afrikanische Schweinepest wird thematisiert. Biosicherheit, frühe Untersuchung und zertifizierte Schlachtung gelten als zentrale Bausteine. Ist die Seuche erst in der Wildtierpopulation angekommen, lässt sie sich kaum noch vollständig eindämmen, sagt die Fachfrau.

Bei der Weidehaltung zeigt sich ein praktisches Problem: Absolute Sicherheit gibt es nicht. Fliegen- und Mückenabwehr, Hygiene und klare Betriebsgrenzen senken das Risiko, verhindern es aber nicht vollständig. Die Frage nach einer Impfpflicht bleibt offen und politisch umstritten. Fuchs verweist auf die Verantwortung der Tierhaltenden, die in vielen Ländern im Mittelpunkt steht.

Systemfrage Lieferkette

Moderator und topagrar-Chefredakteur Matthias Schulze Steinmann lenkt den Blick auf die globalen Verflechtungen der Landwirtschaft, denn komplexe Lieferketten machen Betriebe anfälliger, so dass ein Ausbruch nicht nur den Hof, sondern auch Verarbeitung und Handel betrifft. Präsidentin Fuchs nennt konkrete Stellschrauben: mehr regionale Strukturen, mehr dezentrale Schlachthöfe, engere Zusammenarbeit zwischen Betrieben und Veterinärdiensten sowie bessere Abstimmung entlang der Logistik.

Gleichzeitig zeigt sich ein Zielkonflikt. Mehr Offenheit in der Landwirtschaft schafft Vertrauen, kann aber das Seuchenrisiko erhöhen. Die Expertin bleibt realistisch: Es brauche klare Besuchskonzepte, Hygieneschleusen, Protokolle. Die Alternative, Betriebe vollständig abzuschotten, ist gesellschaftlich keine Option.

Politik unter Druck

Die Junglandwirt:innen richten ihren Blick auch auf die Politik. Was muss sich ändern, um für Tierseuchen gewappnet zu sein? Dr. Fuchs wird deutlich: Personaleinsparungen in Bundesinstituten wie dem Friedrich-Loeffler-Institut müssen aufhören, Impf- und Medikamentenentwicklung brauche mehr Mittel und schnellere Zulassungsverfahren, regionale Strukturen – vom Schlachthof bis zur Tierarztpraxis – müssten gestärkt werden. Tierseuchen seien keine Naturkatastrophe, die man erduldet. Sie verlangen politische Antworten.

„Drei Dinge nehme ich von dem Frühstück heute mit“, sagt BDL-Vize Paul Krug in seinem Schlusswort: „1. Lösungen entstehen selten an einer Stelle allein. 2. Junglandwirt:innen warten nicht darauf, dass andere Antworten liefern. Und 3. Es liegt noch viel Arbeit vor uns. Genau darin steckt aber auch eine Chance. Wer Vorsorge stärkt, schützt Tiergesundheit, Betriebe und unsere Versorgung. Die Biosicherheit muss klar im Fokus stehen.“

Projekt Junglandwirt:innen

Gegründet, um jungen Landwirt:innen eine Plattform zu bieten, ist das Projekt ein Dauerbrenner. Denn es geht um Meinungs- und Erfahrungsaustausch, neue Kontakte zu Gleichgesinnten und Impulse für die Arbeit vor Ort - kurz: um die Stärkung des jungen Berufsstandes. Unterstützt wird das Projekt von der Landwirtschaftlichen Rentenbank.

25. Juni 2026

Das könnte Sie auch interessieren:

Junglandwirtinnen beim Deutschen Bauerntag in Cottbus. Sie sitzen an einem gedeckten Tisch mit Wein und genießen die Gesellschaft und den Austausch. 
Dekorativer EckeneffektZur Newsmeldung navigieren
Agrarpolitik
Landwirtschaft
Ländliche Räume
BDL-JUNGLANDWIRT:INNEN-TREFF
Bauerntag: Agrarproteste – Wirkung und Zukunft
01. Juli 2024

„Agrarproteste? Nur für eine Schlagzeile gut?“ Das Motto des Junglandwirt:innen-Treffs überzeugte. Vom Berufsnachwuchs, der den Deutschen Bauerntag in Cottbus besuchte, fehlte kaum jemand. Trotz früher Stunde waren sie alle zur gemeinsamen Veranstaltung des Bundes der Deutschen Landjugend (BDL)...

Viele verschiedene Menschen schaffen gemeinsam etwas Gutes fürs LandDekorativer EckeneffektZur Newsmeldung navigieren
Engagement
Demokratie
Ländliche Räume
ERNST-ENGELBRECHT-GREVE-PREIS
10.000 Euro für jungen Einsatz fürs Land
15. Juli 2024

Bis zum 20. Oktober 2024 können sich Jugendliche - zu zweit, zu dritt, in Gruppen oder Vereinen - für den Ernst-Engelbrecht-Greve-Preis 2025 bewerben. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie aus der Landjugend, der Feuerwehr, dem Sport, dem Naturschutz oder anderen Szenen kommen. „Was zählt, sind wegweisende Projekte.

Landjugend beim Tauziehen gegen einen Traktor
©
Dekorativer EckeneffektZur Newsmeldung navigieren
Ländliche Räume
Engagement
Demokratie
„HAND IN HAND FÜRS LAND“
Landjugendaktionen: vom neuen Dorfplatz bis zu Tausenden Brillen
23. Juli 2024

„Der Zusammenhalt ist uns wichtig“, unterstreicht die BDL-Bundesvorsitzende Theresa Schmidt: „Nur wenn wir gemeinsam anpacken und uns vor Ort einbringen, passiert auch was.“ Damit verweist sie zugleich diejenigen in ihre Schranken, die nur jammern oder meinen, jemand anderes müsse sich mal kümmern.