Demokratie wächst vor Ort

Junge Frau in der Diskussion mit Landjugend und Politik beim Parlamentarischen Abend des BDL
© BDL / Gräschke
PARLAMENTARISCHER ABEND

Selten stehen sich so viele Abgeordnete und junge Engagierte vom Land so direkt gegenüber wie beim Parlamentarischen Abend des Bundes der Deutschen Landjugend (BDL). Rund 20 Bundestagsabgeordnete, unter ihnen Staatssekretärin Martina Englhardt-Kopf aus dem Landwirtschaftsministerium, trafen am Dienstagabend auf doppelt so viele Landjugendliche. Statt Abstand und Bühne gab es fünf große Tische, Papier, Eieruhren, Eddings – und Gespräche auf Augenhöhe, die schnell Fahrt aufnahmen.

„Wir stehen für Demokratie, nicht nur im Grundsatz, sondern dort, wo sie im Alltag konkret wird – im Dorf, im Verein, im Betrieb“, sagt der BDL-Bundesvorsitzende Lars Ruschmeyer. Seine Amtskollegin Theresa Schmidt ergänzt: „Wir hören viele richtige Sätze aus Berlin. Aber entscheidend für uns und die Menschen auf dem Land ist, dass daraus verlässliche Politik wird. Uns allen hier ist klar, dass ohne junge Menschen auf dem Land mehr kippt als nur Infrastruktur.“

Rückhalt, nicht Schulterklopfen

Am Tisch zu Rechtsextremismus in der Landwirtschaft berichtet der Berufsnachwuchs von seinen Erfahrungen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass rechtsextreme Akteure gezielt Anschluss suchen, landwirtschaftliche Themen kapern, versuchen Grenzen zu verschieben oder sich als Kümmerer vor Ort darstellen. Wo es geht, hält Landjugend dagegen. Sie organisiert Aufklärung, setzt Grenzen und stärkt Netzwerke. Dafür braucht es Unterstützung. „Ehrenamt trägt hier die Last der Demokratiearbeit oft im Stillen“, so Schmidt: „Das funktioniert nur mit Rückhalt, nicht mit Schulterklopfen. Dazu gehört auch die Präsenz der demokratischen Parteien auf dem Land.“ Mobile Beratung, stabile Programme und klare politische Rückendeckung stehen im Zentrum der Forderungen der Landjugend.

Wenn Versprechen auf Realität treffen

Resiliente ländliche Räume – der Begriff klingt groß, fast technisch. Vor Ort zeigt sich oft ein anderes Bild: wohnortferne Lebensmittelversorgung, ausgedünnter Nahverkehr, geschlossene Hausarztpraxen, digitale Funklöcher mitten im Alltag. Der Koalitionsvertrag liefert Zielbilder, doch die Umsetzung stolpert hinterher. Dabei ist allen am Tisch klar, dass die Dörfer leise sterben, wenn die Infrastruktur kippt. Einigkeit bestand darin, dass Wertschöpfung und gute Arbeitsplätze auf dem Land gezielt gestärkt werden müssen, damit junge Menschen dort weiter Heimat finden.

Jugend braucht Spielraum, kein Korsett

Rückenwind brauchen auch die Jugendverbände. Den Kinder- und Jugendplan besser ausstatten und die Finanzierung dynamisieren, hieß es im Koalitionsvertrag. Doch bislang nichts. Das enttäuscht genauso wie Förderbestimmungen, die für eigenständige Jugendverbandsarbeit zunehmend nicht passen. Wer wie bei der Landjugend auf selbstbestimmtes Engagement und Eigenverantwortung mit klaren Entscheidungen in jungen Händen setzt, sorgt für Erfahrung, die später trägt. „Jugendarbeit funktioniert nicht nach Vorschrift, sondern braucht Vertrauen“, lautet der Tenor am Tisch „Jugend fördern. Wer heute spart, verliert morgen.“

Weinbau unter Druck, Geduld am Ende

Im Weinbau verschärft sich der Druck im mittlerweile dritten Krisenjahr weiter. Die schwache Erlössituation bei gleichzeitig steigenden Kosten zwingt viele zum Aufgeben. In der Branche und beim Berufsnachwuchs herrscht Hoffnungslosigkeit. Immer mehr Weinberge stehen zur Verpachtung. Dabei prägt Weinbau Dörfer, Arbeitsplätze und Kulturlandschaften. Das machen die Jungwinzer:innen in der Debatte mit den Parlamentarier:innen sehr greifbar. Ein Hoffnungsschimmer ist das EU-Weinpaket, das den nationalen Regierungen Werkzeuge an die Hand gibt und dringend in nationales Recht gegossen werden muss. Sie fordern Tempo, damit die Weinbau-Struktur nicht kippt, bevor die Politik reagiert.

Höfe ohne Nachfolge – ein leiser Alarm

Aktuell sind in Deutschland 90 Prozent der Betriebsleiter:innen keine Junglandwirt:innen. Hofnachfolger:innen fehlen, denn der Boden bleibt teuer, Pachten steigen, Einstiegshürden verbauen die Zukunft. Das Problem ist erkannt. Europäische Strategien setzen mit der GAP ab 2028 Impulse und sehen ein Starterpaket vor. Doch auch hier ist längst nicht klar, wie das national umgesetzt wird. Das bereitet dem Berufsnachwuchs Bauchschmerzen, der aus eigener Praxis erklärt, warum und wo er Planungssicherheit und klare Perspektiven braucht. Und so gut es klingt, wenn sechs Prozent der nationalen GAP-Mittel für den Generationenwechsel reserviert werden, es muss verbindlich werden. Das haben an dem landwirtschaftlichen Thementisch alle verstanden.

Soziale Medien – Werkzeug, Verbot, Meinungsmacht

Soziale Medien treiben Debatten. Die Landjugend sieht ein Verbot wie in Australien kritisch. Aber mehr Schutz sei dringend nötig: für alle Altersgruppen. Sie fordert klare Regeln für Plattformen, bessere Medienbildung und echte Transparenz. In dem Gespräch mit den Abgeordneten geht es auch um das, was jeder selbst tut, denn wer postet, beeinflusst. Daher will der BDL, dass die Parteien sich selbst verpflichten, Fake News nicht zu posten oder zu teilen, auch wenn sie Klicks versprechen. Politische Auseinandersetzung muss ohne das Schüren von Ängsten oder Vorurteilen auskommen, heißt es bei der Landjugend.

Ob der Abend Wirkung zeigt? „Direkte Gespräche bleiben hängen, Argumente bekommen Gesichter, Beispiele bleiben so im Kopf“, ist die BDL-Bundesvorsitzende Theresa Schmidt überzeugt. „Politik entsteht nicht im Vakuum“, fasst ihr Co-Vorsitzender Lars Ruschmeyer zusammen: „Sie entsteht dort, wo Menschen berichten, wie es wirklich läuft.“

Fotos der Veranstaltung.

 

25. März 2026

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„Der Zusammenhalt ist uns wichtig“, unterstreicht die BDL-Bundesvorsitzende Theresa Schmidt: „Nur wenn wir gemeinsam anpacken und uns vor Ort einbringen, passiert auch was.“ Damit verweist sie zugleich diejenigen in ihre Schranken, die nur jammern oder meinen, jemand anderes müsse sich mal kümmern.